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Dienstag, 12. September 2017

Gott, der Kreative

Raupe auf dem Weg.
Welch ein gewaltiges Bild zeigt uns bereits der erste Abschnitt in der Bibel: Gott schafft aus dem Chaos mit seinem kreativen Geist eine fruchtbare Welt; in die Nacht hängt er funkelnde Sterne, Gott lässt es wachsen und gedeihen, er bietet Gastfreundschaft uns Menschen, seinem Ebenbild.

Es ist diese Erzählung unserer Urväter, die mich immer wieder motiviert, einzutreten für die Bewahrung der Schöpfung. Diese Liebe, die uns von Anfang begleitet, soll nicht mit Füssen getreten werden und dem Mammon geopfert werden. Es darf uns nicht gleichgültig sein, wie wir mit seinem Werk umgehen.

Nein, wir müssen uns nicht mit Askese geisseln, es reicht schon, wenn wir bewusster leben. Es braucht manchmal gar nicht so viel, vielleicht einmal das Velo statt das Auto nehmen oder auf die Erdbeeren verzichten, wenn noch nicht Saison ist.

Warum sind die Bananen aus Südamerika billiger als unser Obst aus der Region? Beschäftigt Sie als Christ diese Frage nicht? Mich schon!


Erschienen in "Kirche und Welt" 9/2017

Samstag, 1. Juli 2017

Sperrige Vorbilder

Mary Vazeille Wesley
Pioniere sind oft sperrige Persönlichkeiten. Zum einen genial, zum andern überraschend unvollkommen. Beispiele gibt es genug. Moses, der Zauderer und Mörder; Jakob, der Täuscher seines Bruders; David, ein Ehebrecher.

In diesem Sommer bin ich zu Fuss unterwegs zum methodistischen Glaubenspionier schlechthin. Ich will das Grab von John Wesley in London besuchen. Mit unwahrscheinlichem Einsatz an Zeit und Kraft hat er Kirche und Gesellschaft über England hinaus erneuert, und unzähligen Menschen die Liebe Gottes nahegebracht. Darüber kann ich nur stauen.

Aber John Wesley war nicht vollkommen. Ein "Frauenversteher" war er wirklich nicht. Seine späte Ehe mit der Witwe Mary Vazeille zerbrach nach kurzer Zeit und endete in wüsten Worten, Tätlichkeiten und einer lebenslangen Trennung. 

Auch dieser Seite von John Wesley will ich mich stellen. Und darum werde ich auf meiner Pilgerreise die St. Giles Kirche in London besuchen, in der die Trauerrede für die unglückliche Mary Vazeille Wesley gehalten wurde. John Wesley war bei deren Abdankung übrigens nicht dabei. Er erfuhr erst 4 Tage später von ihrem Tod.

Fazit: Makellosigkeit ist keine Voraussetzung für Gottes Wirken durch uns Men-schen. Das hat auch irgendwie etwas Tröstliches.

Ein Beitrag für "Kirche und Welt", 7/2017

Donnerstag, 1. Juni 2017

"Me mues halt rede metenand"

Sprechen miteinander
Ich halte immer wieder Andachten an Sitzungen und Bezirksversammlungen. Diese werden oft zusammenfassend in Protokollen festgehalten. Wenn ich dann nachträglich lese, was aus dem von mir Gesagten herausgehört wurden, wundere ich mich. Oft decken sich diese protokollierten Inhalte nur teilweise mit dem von mir Gemeinten. Und ich frage mich, ob ich wirklich so missverständlich spreche. Ist es nicht fast schon ein Wunder, wenn Aussagen so ankommen, wie sie gemeint sind?
Als Kind haben wir mit dieser Erfahrung gespielt, indem wir Botschaften einander von Person zu Person ins Ohr flüsterten. Kurios, was da am Schluss einer solchen Flüsterkette von der ursprünglichen Botschaft übriggeblieben ist.
Nur im direkten Hin-und-her-Austausch kann man sich sicher werden, dass alle vom Geleichen reden und das Selbe verstehen. Bei Monologen spricht man zu sehr aneinander vorbei. Der Austausch, das Konferieren hilft, eine Sache gemeinsam zu klären. Es ist eben so: "Me mues halt rede metenand". Gerade, wenn es um schwierige Themen geht, und man sowieso das Heu nicht auf derselben Bühne hat, ist das direkte Gespräch besonders wichtig.

Ein Beitrag für "Kirche und Welt", 6/2017

Mittwoch, 10. Mai 2017

1090 Kilometer pilgern für Flüchtlingen

Jörg Niederer aus der Schweiz wird bald nach London pilgernNoch 50 Tage, und ich werde mich von Frauenfeld (Schweiz) aus zu Fuss auf den Weg nach London (England) machen. Ziel dieser Pilger- und Sponsoringreise ist das Grab von John Wesley. Ohne den anglikanischen Geistlichen des 18. Jahrhundert wäre ich wohl heute nicht Pfarrer der Evangelisch-methodistischen Kirche. Seine Reformbestrebungen in der Kirche von England haben zu einer Vielzahl methodistischer Kirchen geführt, zu denen sich in 133 Ländern 80 Millionen Menschen zählen.
Einer davon bin ich. Besonders fasziniert hat mich an Wesley immer, dass er von Anfang an die Menschen nicht nur anpredigte, sondern ihnen half, so gut es ging. Seine soziale Ader und sein integratives Verständnis von Kirche halte ich heute für besonders wichtig.
Ich darf Pilgern. Andere müssen Reisen, sind auf der Flucht vor Krieg und Elend. Für sie will ich Schritt für Schritt den Weg durch die vier europäischen Länder Schweiz, Deutschland, Frankreich und England gehen. Pro 50'000 Schritte auf diesem Weg kann man eine finanzielle Zusage machen zugunsten der Migrationsarbeit von Connexio in den Herkunfts- Transit- und Ankunftsländern der Migrantinnen und Migranten.
Wenn ich England erreiche, dann werde ich 30 bis 40 mal 50'000 Schritte zurückgelegt haben. Aus jedem versprochenen Franken sind dann 30 bis 40 Franken geworden. Die Chance besteht, dass am 1. Juli – am Tag meines Aufbruchs – jeder Schritt einem Rappen entspricht für die Flüchtlinge und Heimatlosen.
Während der Reise berichte ich regelmässig über das Erlebte unter https://docs.com/user887611/1613/pilgern-zu-wesley oder in meinem Facebookprofil https://www.facebook.com/joerg.niederer. Und Spendenzusagen kann man mit einer E-Mail an joerg.niederer@emk-schweiz.ch machen. Mehr dazu unter https://docs.com/user887611/9073/20170102-sponsoring-pilgern-zu-wesley-du.
Herzlichen Dank euch allen, die ihr bereit seid, Menschen auf der Flucht zu unterstützen.



Mittwoch, 3. Mai 2017

Was ist Falsch an Angst?

Kreuzspinne mit Wanze als Opfer
Angst ist normal. Sie ist die natürliche Antwort auf Gefahren. Sie bewahrt uns vor Gefahr, indem sie uns motiviert, darauf zu antworten. Angst zu erzeugen kann daher ein nützliches Werkzeug sein, Leute für eine politische Agenda zu kontrollieren oder zu manipulieren. Die Frage ist nicht ob, sondern wovor wir Angst haben und wie wir darauf reagieren sollten. Wenn wir von denen konfrontiert werden, die uns manipulieren wollen, müssen wir uns fragen: Gibt es eine Basis für diese Ängste? Werde ich benutzt? Wenn es einen Grund für Angst gibt, wie soll ich darauf reagieren?
Unsere natürliche Reaktion ist entweder wegzulaufen oder zu kämpfen. Eine christliche Antwort ist, Gott zu vertrauen und das Verantwortungsvolle zu tun, das das Wohlbefinden anderer, insbesondere derjenigen betont, die wirklich bedroht werden.

Erschienen in "Kirche und Welt", 5/2017

Samstag, 1. April 2017

Glauben und Weltgeschehen: ein Wider-Spruch?

Glaube und Weltgeschichte
Was in der Welt geschieht ist oft so schrecklich, was an Nachrichten auf uns einstürmt so widersprüchlich. Wie kann man da noch glauben? Viele Zeitgenossen resignieren, geben ihre Hoffnungen auf. 
Doch ich finde, es macht Sinn zu glauben. Trotzdem! Ich will den Glauben unverfroren buchstabieren, immer wieder neu, wie ein Kind.  Erst recht: achtsam sein, wo Himmel und Erde sich berühren, wo die Spur des Ewigen meinen Alltag kreuzt.  Da verrät schon unsere Sprache, was viele andere vor uns gesucht und auch erlebt haben.  Unser Wort ‚glauben‘ kommt vom althochdeutschen ‚gilouben‘ und bedeutete: für lieb halten, gutheissen.  Es steht für ein freundschaftliches Verhältnis eines Menschen. 
Das Geheimnis des Glaubens besteht auch heute darin, ein freundschaftliches Verhältnis  zu finden – zur Schöpfung und unseren Mit-Geschöpfen. Alles mit Augen der Liebe betrachten. So stelle ich mir auch Gott vor: Der Schöpfer betrachtet seine geliebte Welt und spricht begeistert aus „es ist (sehr) gut“! Da ist ein Gegenüber, das sieht, ja die ganze Welt mit Liebe sieht. Das ist der Beginn von allem; damit verändert sich alles.

Erschienen in "Kirche und Welt", 4/2017

Mittwoch, 15. März 2017

Der Ausschuss Kirche und Gesellschaft empfiehlt ein JA zur Energiestrategie 2050

Albigna-Stausee
Selten klingen kirchliche Dokumente in politischen Gesetzesvorschlägen nach. Doch genau das ist in diesem Jahr der Fall. Das Schweizer Parlament hat vor, das Erzeugen und Nutzen von Energie in Wirtschaft und Gesellschaft in vernünftige und zukunftsorientierte Bahnen zu lenken. Endlich soll nicht länger Atomwirtschaft übermässig subventioniert und Energieverschwendung geduldet werden. Dazu dürfen Schweizer Stimmberechtigte im Mai 2017 ihre Zustimmung zeigen. 
oeku Kirche und Umwelt (http://www.oeku.ch/) beschreibt die wichtigsten Aspekte, die für ein JA sprechen. Methodisten haben es leicht. Denn das Gesetz zeigt sich in grösstem Einklang mit den Sozialen Grundsätzen. Nach dem einleitenden Paragraphen („Die ganze Schöpfung gehört dem Herrn, und wir sind für die Art und Weise verantwortlich, in der wir sie brauchen und missbrauchen“), lesen wir dort zur Verwendung von Energieressourcen:

"Wir anerkennen, dass die nichtmenschliche Schöpfung einen ihr innewohnenden Wert besitzt. Wir unterstützen und fördern deshalb soziale Maßnahmen, die auf eine vernünftige und zurückhaltende Umwandlung von Rohstoffen in Energie zum Nutzen des Menschen ausgerichtet sind. Weiter unterstützen wir Maßnahmen, die solche Technologien der Energieerzeugung unwichtig oder überflüssig machen, welche die Gesundheit, die Sicherheit oder gar die Existenz der menschlichen und nichtmenschlichen Schöpfung in Gegenwart und Zukunft gefährden. Darüber hinaus drängen wir auf eine kompromisslose Unterstützung des Energiesparens und der verantwortlichen Entwicklung aller Energieressourcen – mit einem besonderen Anliegen für die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen – sodass die Erde als gute Schöpfung bewahrt bleibt."

Auch wer eher meint, die Energiestrategie 2050 sei noch zu zaghaft, soll wenigsten das darin Geforderte unterstützen, und am 31. Mai 2017 mit Ja stimmen.