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Mittwoch, 1. November 2017

Computer als "spiritueller Begleiter"

Laptop
Dank Facebook, WhatsApp und Twitter ist die Welt zusammengerückt. Wir sind zum globalen Dorf geworden. Doch sind wir dadurch weltoffener geworden? Die Wahlen in vielen Ländern zeichnen ein ganz anderes Bild.

Wir sind bestens informiert, im Sekundentakt treffen die News ein. Nur wer mit noch schrilleren Tönen operiert, wird gehört, egal ob es wahr ist oder sogenannte "FakeNews".

Diese moderne Welt schafft für Christinnen und Christen neue Möglichkeiten: Zeitgleich und hautnah sind wir bei einer Missionsstation dabei, Geld wird nun online per Crowdfunding gesammelt.

Wir leben in einem Spannungsfeld von Moderne und Antike. Auf dem Handy lesen wir von den biblischen Geschichten. Sie handeln von Personen aus einer ganz anderen Zeit, die ihre Erzählungen mündlich weitergaben oder auf Tontafeln.

Es braucht Menschen, die diesen Gottesglauben in die heutige Zeit übertragen. Einer, der mich immer wieder inspiriert, ist Pierre Stutz, Autor von unzähligen Büchern zum Thema "Spiritualität im Alltag". Für ihn ist zum Beispiel ein Computer ein "spiritueller Begleiter": Beim Einschalten sammelt sich der zuerst, holt alle nötigen Programme, bis er zu arbeiten anfängt...

Erschienen in "Kirche und Welt" 11/2017

Dienstag, 24. Oktober 2017

Rassismus

Rassismus - Ausländer raus
Vor 25 Jahren ging ich aus Südafrika in die USA. Ich dachte, ich würde das System der Apartheid und den Rassismus hinter mir lassen. Aber ich merkte damals, dass der Rassismus mich begleitet, denn das Phänomen ist nicht auf ein Land oder auf eine bestimmte Zeit begrenzt. Rassismus ist in die kapitalistische Struktur der Weltwirtschaft und in eine globalisierte Kultur hineingewoben. 
Rassismus entsteht, wenn Menschen wegen ihres Aussehens, ihrer Herkunft und Zugehörigkeit in bestimmte „Schubladen“ eingeordnet werden. Dabei bleibt das Wort „Rasse“ ein Konstrukt, das unterschiedlich interpretiert wird. Oft werden diese Menschen als Gruppe dann zu Sündenböcke für Probleme in der Gesellschaft gemacht. Oder es wird behauptet, sie hätten wegen ihrer „Rasse“ in einem anderen Land nur eingeschränkte (Menschen-)Rechte.

Die Vorurteile, auf die der Rassismus sich stützt, werden weltweit mit Macht untermauert. Mir scheint diese Erkenntnis wichtig. Denn Vorurteile sind ein normaler Teil menschlicher Gedankenprozesse. Aber nicht jedes Vorurteil, mag es auch bedauernswert und einschränkend sein, ist schon ein Ausdruck von Rassismus. Erst wenn Menschen aufgrund ihrer Vorurteile gegen andere Menschen vorgehen dürfen, weil ihnen keine Sanktionen drohen, lebt der Rassismus.

Rassismus funktioniert in Verbindung mit gesellschaftlicher Akzeptanz. Als selbstverständlich und natürlich eingestuft bleibt der Rassismus für diejenigen, die aus ihren Vorurteilen heraus handeln, zum grossen Teil unsichtbar. Wenn dieses System sichtbar wird, droht die Möglichkeit, es zu hinterfragen oder ändern zu wollen.

Mir ist es wichtig, den systemischen Hintergrund des Rassismus zu erkennen. Sonst sind immer nur andere Menschen rassistisch, und der eigene Rassismus bleibt verborgen. Eine Welt, in der nicht alle Menschen den gleichen Wert haben, eine Welt, in welcher der Tod eines weissen Europäers mehr Aufmerksamkeit erregt als der Tod von tausenden von Afrikanern ist rassistisch geprägt. Die Anerkennung, dass die globale Welt ein rassistisches System bildet, bedeutet, dass wir alle darin verstrickt sind. Wir müssen uns aufmachen, dieses System zu durchschauen und zu ändern.

Als Europäer, als Menschen, die wählen dürfen, die Häuser besitzen und Steuern bezahlen, die Waffen produzieren und einsetzen und Meinungen bilden und aussprechen dürfen, haben wir viel Macht. Darum haben unsere Vorurteile eine grosse Wirkung. Wir lernen jedoch selten, diese Macht zu würdigen. Stattdessen sprechen wir über die „Macht“ von Politikern. Rassismus lebt aber nicht von Politikern, sondern von den Millionen Menschen, die tagtäglich ihre Vorurteile mit Macht ausleben, sich darüber keine Gedanken machen und nicht sehen müssen, was sie damit bewirken.

In der Nachfolge Christi sind wir verbunden mit Menschen aus vielen Völkern und Nationen, und wir sind berufen, gegen Rassismus aufzustehen. Das bedeutet vor allem, eigene Vorurteile kennenzulernen und sie in Jesu Fusstapfen abzulegen. In der Nachfolge Christi gilt es, Menschen als Personen zu sehen und nicht nur ihr Äusseres zu bewerten. In der Nachfolge sind wir berufen, unsere Verantwortung für die Gesellschaft wahrzunehmen anstatt die Schuld an gesellschaftlichen Problemen auf andere Menschen zu schieben. Wir müssen jeden ausschliesslichen Anspruch auf irgendein Stück Erde – „dieses Land gehört nur uns“ - ablehnen. Denn mit Jesus Christus bekennen wir: die Erde und alles in ihr gehört Gott, und wir sind höchstens Verwalter Gottes, wo wir leben.

Dienstag, 3. Oktober 2017

Ging die Reformation weit genug?

John Wesley in der Methodist Central Hall
In England zur Zeit John Wesleys (1703-1791) diskutierten Kirchenführer, ob die Reformation in Europa und England stark genug durchgesetzt wurde. Manche Menschen schauten auf die Zeit nach dem englischen Bürgerkrieg zurück, als die Puritaner versucht hatten, die Gesellschaft und die Kirche so zu reformieren, dass sie das widerspiegelte, was ihrer Meinung nach von der Bibel verlangt wird. Wesley selbst war der Ansicht, dass die Reformation nicht stark genug durchgesetzt wurde. Wie die Puritaner damals, wollte er sehen, dass sich die Gesellschaft verändert. Seine Lösung war jedoch eine andere. Für Wesley wäre das Problem nicht durch neue Gesetzgebungen für Kirche und Gesellschaft gelöst worden. Das wäre zu oberflächlich. Nötig waren Menschen, deren Motive und Begehren von der Kraft des Heiligen Geistes so reformiert wurden, dass sie Gott und ihre Mitmenschen lieben. Solche Menschen würden die Gesellschaft verändern.


Dienstag, 12. September 2017

Gott, der Kreative

Raupe auf dem Weg.
Welch ein gewaltiges Bild zeigt uns bereits der erste Abschnitt in der Bibel: Gott schafft aus dem Chaos mit seinem kreativen Geist eine fruchtbare Welt; in die Nacht hängt er funkelnde Sterne, Gott lässt es wachsen und gedeihen, er bietet Gastfreundschaft uns Menschen, seinem Ebenbild.

Es ist diese Erzählung unserer Urväter, die mich immer wieder motiviert, einzutreten für die Bewahrung der Schöpfung. Diese Liebe, die uns von Anfang begleitet, soll nicht mit Füssen getreten werden und dem Mammon geopfert werden. Es darf uns nicht gleichgültig sein, wie wir mit seinem Werk umgehen.

Nein, wir müssen uns nicht mit Askese geisseln, es reicht schon, wenn wir bewusster leben. Es braucht manchmal gar nicht so viel, vielleicht einmal das Velo statt das Auto nehmen oder auf die Erdbeeren verzichten, wenn noch nicht Saison ist.

Warum sind die Bananen aus Südamerika billiger als unser Obst aus der Region? Beschäftigt Sie als Christ diese Frage nicht? Mich schon!


Erschienen in "Kirche und Welt" 9/2017

Samstag, 1. Juli 2017

Sperrige Vorbilder

Mary Vazeille Wesley
Pioniere sind oft sperrige Persönlichkeiten. Zum einen genial, zum andern überraschend unvollkommen. Beispiele gibt es genug. Moses, der Zauderer und Mörder; Jakob, der Täuscher seines Bruders; David, ein Ehebrecher.

In diesem Sommer bin ich zu Fuss unterwegs zum methodistischen Glaubenspionier schlechthin. Ich will das Grab von John Wesley in London besuchen. Mit unwahrscheinlichem Einsatz an Zeit und Kraft hat er Kirche und Gesellschaft über England hinaus erneuert, und unzähligen Menschen die Liebe Gottes nahegebracht. Darüber kann ich nur stauen.

Aber John Wesley war nicht vollkommen. Ein "Frauenversteher" war er wirklich nicht. Seine späte Ehe mit der Witwe Mary Vazeille zerbrach nach kurzer Zeit und endete in wüsten Worten, Tätlichkeiten und einer lebenslangen Trennung. 

Auch dieser Seite von John Wesley will ich mich stellen. Und darum werde ich auf meiner Pilgerreise die St. Giles Kirche in London besuchen, in der die Trauerrede für die unglückliche Mary Vazeille Wesley gehalten wurde. John Wesley war bei deren Abdankung übrigens nicht dabei. Er erfuhr erst 4 Tage später von ihrem Tod.

Fazit: Makellosigkeit ist keine Voraussetzung für Gottes Wirken durch uns Men-schen. Das hat auch irgendwie etwas Tröstliches.

Ein Beitrag für "Kirche und Welt", 7/2017

Donnerstag, 1. Juni 2017

"Me mues halt rede metenand"

Sprechen miteinander
Ich halte immer wieder Andachten an Sitzungen und Bezirksversammlungen. Diese werden oft zusammenfassend in Protokollen festgehalten. Wenn ich dann nachträglich lese, was aus dem von mir Gesagten herausgehört wurden, wundere ich mich. Oft decken sich diese protokollierten Inhalte nur teilweise mit dem von mir Gemeinten. Und ich frage mich, ob ich wirklich so missverständlich spreche. Ist es nicht fast schon ein Wunder, wenn Aussagen so ankommen, wie sie gemeint sind?
Als Kind haben wir mit dieser Erfahrung gespielt, indem wir Botschaften einander von Person zu Person ins Ohr flüsterten. Kurios, was da am Schluss einer solchen Flüsterkette von der ursprünglichen Botschaft übriggeblieben ist.
Nur im direkten Hin-und-her-Austausch kann man sich sicher werden, dass alle vom Geleichen reden und das Selbe verstehen. Bei Monologen spricht man zu sehr aneinander vorbei. Der Austausch, das Konferieren hilft, eine Sache gemeinsam zu klären. Es ist eben so: "Me mues halt rede metenand". Gerade, wenn es um schwierige Themen geht, und man sowieso das Heu nicht auf derselben Bühne hat, ist das direkte Gespräch besonders wichtig.

Ein Beitrag für "Kirche und Welt", 6/2017

Mittwoch, 10. Mai 2017

1090 Kilometer pilgern für Flüchtlingen

Jörg Niederer aus der Schweiz wird bald nach London pilgernNoch 50 Tage, und ich werde mich von Frauenfeld (Schweiz) aus zu Fuss auf den Weg nach London (England) machen. Ziel dieser Pilger- und Sponsoringreise ist das Grab von John Wesley. Ohne den anglikanischen Geistlichen des 18. Jahrhundert wäre ich wohl heute nicht Pfarrer der Evangelisch-methodistischen Kirche. Seine Reformbestrebungen in der Kirche von England haben zu einer Vielzahl methodistischer Kirchen geführt, zu denen sich in 133 Ländern 80 Millionen Menschen zählen.
Einer davon bin ich. Besonders fasziniert hat mich an Wesley immer, dass er von Anfang an die Menschen nicht nur anpredigte, sondern ihnen half, so gut es ging. Seine soziale Ader und sein integratives Verständnis von Kirche halte ich heute für besonders wichtig.
Ich darf Pilgern. Andere müssen Reisen, sind auf der Flucht vor Krieg und Elend. Für sie will ich Schritt für Schritt den Weg durch die vier europäischen Länder Schweiz, Deutschland, Frankreich und England gehen. Pro 50'000 Schritte auf diesem Weg kann man eine finanzielle Zusage machen zugunsten der Migrationsarbeit von Connexio in den Herkunfts- Transit- und Ankunftsländern der Migrantinnen und Migranten.
Wenn ich England erreiche, dann werde ich 30 bis 40 mal 50'000 Schritte zurückgelegt haben. Aus jedem versprochenen Franken sind dann 30 bis 40 Franken geworden. Die Chance besteht, dass am 1. Juli – am Tag meines Aufbruchs – jeder Schritt einem Rappen entspricht für die Flüchtlinge und Heimatlosen.
Während der Reise berichte ich regelmässig über das Erlebte unter https://docs.com/user887611/1613/pilgern-zu-wesley oder in meinem Facebookprofil https://www.facebook.com/joerg.niederer. Und Spendenzusagen kann man mit einer E-Mail an joerg.niederer@emk-schweiz.ch machen. Mehr dazu unter https://docs.com/user887611/9073/20170102-sponsoring-pilgern-zu-wesley-du.
Herzlichen Dank euch allen, die ihr bereit seid, Menschen auf der Flucht zu unterstützen.